Stimmt es, dass Kinder vegan gesund aufwachsen können?


In Frankfurt eröffnet diese Woche eine vegane Kita. Ein verantwortungsloser, übergriffiger Plan, der die Gesundheit der Kinder gefährdet, sagen die einen. Eine nachhaltige Idee von Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, kontern die anderen. Wer hat recht?

1. Aussage: Eine vegane Ernährung ist für Kinder gesünder als eine normale Mischkost.

Das ist falsch. Es stimmt zwar, dass die vegane Ernährung oft einen hohen Anteil an ballaststoffreichen Getreideprodukten sowie Obst und Gemüse mit sich bringt. Das ist auf den ersten Blick auch gesünder als ein Speiseplan, auf dem Steaks, Spaghetti Bolognese und Salami-Brötchen auftauchen. Dafür birgt der Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel jedoch andere, massive Gefahren.

Viele Nährstoffe, die der Körper zum Überleben braucht, sind vor allem in tierischen Lebensmitteln enthalten. Dazu zählen unter anderem Eiweiß-Bausteine, bestimmte langkettige Fettsäuren, Vitamin D, Vitamin B12, Kalzium, Eisen, Jod, Zink und Selen. Während Vegetarier den Bedarf durch Milchprodukte, Eier und eine ausgewogene pflanzliche Ernährung decken können, ist das bei Veganern nur schwer, im Hinblick auf das Vitamin B12 sogar gar nicht möglich.

Diese Aussage gilt schon für Erwachsene. Bei Kindern, Schwangeren und Stillenden ist die Gefahr für Mangelerscheinungen aufgrund eines erhöhten Nährstoffbedarfs noch größer. Sie können beim Verzicht auf alle tierischen Produkte nur gesund leben, wenn sie Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Aus diesem Grund kann eine vegane Ernährung vor allem bei Kindern gar nicht gesünder sein als eine Mischkost – schließlich liefert sie dem Körper nicht alle lebensnotwendigen Stoffe.

Vegane Kinder zählen in Deutschland zu den wenigen Gruppen, die von Mangelernährung gefährdet sind, sagte Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung am Haunerschen Kinderspital in München im vergangenen Jahr. Der Mediziner würde vegan lebenden Kindern in Deutschland am liebsten ein Ei pro Tag verordnen, „weil sie so viele wichtige tierische Nährstoffe enthalten“.

2. Aussage: Eine vegane Ernährung ist nicht schädlich.

Auch das stimmt nicht generell. Problematisch ist es insbesondere, wenn Mütter sich vegan ernähren, während sie stillen – und dabei nicht auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B 12 achten. Sie geben diesen Mangel über die Muttermilch an die Säuglinge weiter. Es gibt eine Reihe von Fällen, bei denen die Babys deutliche Entwicklungsverzögerungen hatten oder in Kombination mit einem niedrigen Eisenspiegel an schwerer Blutarmut litten.

In den vergangenen Jahren meldeten etwa Kliniken in Italien mehrere Fälle, in denen Babys und Kleinkinder auf Intensivstationen behandelt werden mussten, weil sie aufgrund einer veganen Ernährung schweren Vitamin-B12-Mangel litten.

Es gibt sogar vereinzelt Fälle, bei denen Kinder, die strikt vegan ernährt wurden und keine nötigen Zusatzprodukte erhalten haben, infolge dieser Mangelernährung gestorben sind. 2004 etwa wurde ein Elternpaar in Paderborn verurteilt, nachdem sein 16 Monate alter Sohn gestorben war.

2017 musste sich ein belgisches Paar vor Gericht verantworten, dessen Baby an Mangelernährung starb. Die Eltern dachten, das Kind vertrage keine Kuhmilch und fütterten es nur mit pflanzlichen Milchalternativen – ohne einen Arzt zu konsultieren. Dem Paar ging es nicht um vegane Ernährung, aber der traurige Fall verdeutlicht: Ein Baby kann aufgrund eines nicht durchdachten veganen Speiseplans sterben.

Kurz: Kinder müssen bei veganer Ernährung immer auch Vitamin B-12 mit Nahrungsmitteln aufnehmen.

3. Aussage: Experten sind sich einig, dass eine vegane Ernährung bei Säuglingen und Kleinkindern unmöglich ist.

Trotz aller Gefahren – auch das lässt sich so nicht sagen. Mehrere internationale Organisationen vertreten die Position, dass eine gut geplante vegane Ernährung in allen Altersgruppen einschließlich Schwangerschaft und Stillzeit angemessen sein kann. Dazu zählen

  • die US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics,
  • das australische National Health and Medical Research Council
  • und das portugiesische National Programme for the Promotion of a Healthy Diet.

Allerdings knüpfen alle ihre Aussage an die Voraussetzung, dass die Ernährung gut geplant ist und Nährstoffpräparate sowie angereicherte Lebensmittel einschließt. Die portugiesischen Empfehlungen raten außerdem dazu, vegan ernährte Kleinkinder bis zu einem Alter von zwei noch parallel zu stillen. Das soll sicherstellen, dass die Kinder genügend Milchprotein erhalten.

In Deutschland bewertet das „Netzwerk Gesund ins Leben – Netzwerk junge Familien“ eine vegane Ernährung als ungeeignet für Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät davon ab: „Da sich mit dem Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel das Risiko für Nährstoffdefizite und damit das Risiko für Gesundheitsstörungen erhöht, wird eine vegane Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindes- und Jugendalter von der DGE nicht empfohlen“, heißt es in einem Positionspapier aus dem Jahr 2016.

Fazit: Eine vegane Ernährung allein reicht nicht aus, um den Bedarf an Nährstoffen zu decken. Das gilt insbesondere bei Schwangeren, Stillenden, Säuglingen und Kindern. Nur, wer die Zusammensetzung der Speisen sehr gut plant, Blutwerte regelmäßig kontrolliert und Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, kann sich gesund vegan ernähren. Das gilt für Kinder besonders.

Video: Besser essen ohne Zwang – Die neuen Veganer


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