Wut auf Ernährungs-Gurus: Die Sucht nach gesundem Essen hat mich krank gemacht

So ließ sich auch Autor Nils Binnberg lange Jahre von Ernährungs-Experten erzählen, was auf seinem Teller gehört – und was eben nicht. Als er erkannte, dass er unter einer Essstörung leidet, folgte er bereits 20 Ernährungstrends gleichzeitig. Die Sucht nach gesundem Essen war für den Journalisten zum Spießrutenlauf geworden.

Davon erzählt er in seinem Buch „Ich habe es statt – Wie uns Ernährungsgurus krank machen“ (Suhrkamp, 12,95 Euro). Wir haben mit ihm über gesunde Ernährung, Essstörungen und das Statussymbol Sauerteigbrot gesprochen.

Herr Binnberg, gibt es noch Ernährungstrends, an die Sie glauben und sich selbst halten?

Nils Binnberg: Meine Ernährung folgt keinem Label mehr. Ich ernähre mich frei nach der Devise, dass der Mensch von Natur aus ein Allesfresser ist. Das heißt, er ist an alle Nahrungsmittel angepasst. Es sei denn, etwas ist hochgiftig, dann sollte man davon absehen. Aber im Ernst, unsere Lebensmittel sind extrem sicher und werden hierzulande regelmäßig vom unabhängigen Bundesinstitut für Risikobewertung kontrolliert. Darum sage ich heute, ich vertrage alles und ich esse alles.

Auch Fertigprodukte?

Binnberg: Ich koche sehr gerne selbst und für mich ist der Geschmack das Wichtigste. Dabei bin ich nicht mehr dogmatisch und habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn es mal nicht anders geht als zu einem Fertigprodukt zu greifen. Ich verurteile das auch gar nicht, weil diese Ernährungsweisen ein Zeichen unserer Zeit sind. Wir haben einfach nicht mehr die Zeit, uns – wie unsere Großelterngeneration – zwei Stunden Auszeit für das Mittagessen zu nehmen.

Als Gegenbewegung ist das handgemachte Sauerteigbrot zum Statussymbol geworden, man nimmt sich Zeit zum Essen – Stichwort Slow Food. Das Eine ist nicht schlechter oder besser als das Andere.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Verhältnis zum Essen problematisch ist?

Binnberg: Während meiner Essstörung war Essengehen eine sehr große Herausforderung für mich. Ich hatte einen sehr engen Speiseplan entwickelt und musste mir die Restaurants vorher gut aussuchen. Wenn mir mal etwas nicht gepasst hat, dann saß ich den ganzen Abend am Tisch und habe einfach nichts gegessen.

Ich habe dann vorgeschoben, keinen Hunger oder schon gegessen zu haben. Als ich in einem Artikel in der New-York-Times über den Begriff „Orthorexia nervosa“ gestolpert bin, also der Sucht nach gesunder Ernährung, wurde mir bewusst, dass mein Verhalten krankhaft ist. Meine Gedanken kreisten 24 Stunden am Tag ums Essen. Ich bin regelrecht panisch geworden und habe mich beschmutzt gefühlt, wenn ich meine eigenen Essensregeln gebrochen habe.

Ich erkannte, dass meine Fixierung auf gesunde Ernährung, mit der ich mich so viel besser als alle anderen und sogar tugendhaft fühlte, doch nicht so gesund, sondern eine Störung sein könnte.

Phasenweise haben Sie 20 Trends gleichzeitig praktiziert – wie geht das überhaupt?

Binnberg: Es funktioniert durchaus, weil es nicht zwangsläufig nur bestimmte Lebensmittel betrifft, die man ausklammert, sondern auch die Art, wie man sie isst. Jemand, der orthorektisch ist, macht sich den ganzen Tag darüber Gedanken, wie viele Antioxidantien er schon intus hat, wie lange er etwas kaut oder welche Farbe ein Lebensmittel haben sollte.

Ich habe beispielsweise darauf geachtet, in welchem Abstand ich Früchte esse. Der Trend heißt „Food Combining“. Die Regel lautet: Zwei Stunden vor einer Mahlzeit sollte kein Obst gegessen werden, weil es dann nicht richtig verdaut wird. Das Prinzip ist nicht neu: In den 20er Jahren nannte man es Trennkost. Das habe ich kombiniert mit anderen Lehren, wie zum Beispiel Low Carb, Paleo, gluten- oder laktosefrei. Eine Lehre führte mich zur nächsten.

Was war das Ziel Ihrer Ernährung: Gesund sein oder dünn sein?

Binnberg: Gesund zu sein, ist für uns gleichbedeutend mit Dünnsein. Das ist für mich auch der Knackpunkt bei unserer Vorstellung von gesunder Ernährung. Gewisse Nahrungsmittel werden stigmatisiert, indem ihnen unterstellt wird, sie würden automatisch zu Fettleibigkeit und Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Wenn man über Fettleibigkeit in der Zeitung liest, dann sind diese Artikel oft mit Burgern, Pommes und Cola bebildert.

Wenn man sich aber anschaut, welche Ursachen der Fettleibigkeit zugrunde liegen, dann sind das häufig gesellschaftliche Phänomene wie Einsamkeit, Armut, Depressionen oder eben auch Essstörungen wie das Binge Eating, also die Esssucht. Trotzdem folgen wir den Ratschlägen von Experten, die sagen, durch bestimmte Ernährungsweisen kann man sich gesund essen – oder man eben krank.

Das finde ich fatal, weil es impliziert, dass es Lebensmittel gibt, die an sich schlecht sind. Es ist aber das „zu viel“, das schädlich sein kann, nicht das Lebensmittel an sich.

Menschen essen heute bewusster – ist das so schlimm?

Binnberg: Nein, überhaupt nicht. Aber wir sind hysterisch in Sachen Ernährung geworden. Wir fühlen uns von der modernen Lebensmittelproduktion entfremdet, versuchen eben unsere Gesundheit durch Ernährung zu kontrollieren – obwohl andere Faktoren wie Lärm, Stress, Zufriedenheit oder Gene eine Rolle spielen. Nur sind sie nicht so leicht zu beeinflussen. In Wahrheit wissen wir gar nicht, welchen Einfluss das Essen auf unsere Gesundheit hat.

Ernährungswissenschaften beruhen auf Beobachtungen und statistischer Korrelation. Es gibt pro Tag 250 neue Studien, eine Million Studien existieren bereits. Dazu kommt eine Fehlerquote von 96 Prozent. Das sagt zumindest John Ioannidis, Statistiker an der Universität Stanford. Er hat Veröffentlichungen zu den Auswirkungen von Essen auf Herz-Kreislauferkrankungen untersucht und daraus das Fazit gezogen, dass fast alle fehlerhaft waren.

Was hat Ihnen geholfen? Wo finden Orthorektiker Hilfe?

Binnberg: Orthorexia nervosa ist eine Essstörung und sollte mit einer Therapie angegangen werden. Mir hat die Arbeit am Buch geholfen. Dass ich die Mythen rund um meine Ernährungslehren entkleidet habe. Ich wollte verstehen, warum Ernährung heute einer Religion gleicht. Diese Erkenntnisse haben mir den Schrecken vorm Essen genommen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Sarah Peters

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