Gesundheit

Juul – die umstrittenste E-Zigarette der Welt kommt nach Deutschland

Es gibt nur wenige Produkte auf dem Markt, die es schaffen, Geschichte zu schreiben. Juul – eine kleine  E-Zigarette aus den USA – hat es geschafft, binnen kürzester Zeit gleich zwei Geschichten zu schreiben. Die eine ist die Erfolgsgeschichte: In nur drei Jahren ist Juul zum Marktführer für E-Zigaretten in den USA aufgestiegen und hat seine Gründer Adam Bowen und James Monsees zu reichen Männern gemacht. Was auch gleich zu der zweiten, weitaus weniger rühmlichen Geschichte führt: Die US-Gesundheitsbehörde FDA sieht sich angesichts des Hypes dazu gezwungen, vor E-Zigaretten zu warnen. Die Rede ist von einer regelrechten Epidemie nikotinsüchtiger, minderjähriger E-Zigaretten-Raucher.

Nun soll Juul nach Deutschland kommen. Ab dem 19. Dezember wird es die E-Zigarette in bundesweit 1000 Verkaufsstellen – allen voran Tabakverkaufsstellen und Vape-Stores – zu kaufen geben. Eine Internetseite soll im Februar folgen. Für die Deutschland-Präsentation haben sich die Gründer ein schickes Hotel in der Hamburger Innenstadt ausgesucht. Vor der Tür steht eine Gruppe Tabakraucher, Feuerzeuge klicken. Im Inneren sitzen die Gründer an einem Tisch und erzählen über ihr Erfolgsprodukt. Auch Markus Kramer, Geschäftsführer von Juul Labs Deutschland, ist gekommen.

Juul soll Zigaretten überflüssig machen

Auf den ersten Blick erinnert Juul an einen großen USB-Stick. Das Design ist simpel und schlicht. Wie auch andere E-Zigaretten besteht Juul aus einem Verdampfer und einem Reservoir für das nikotinhaltige E-Liquid. Das Gerät erzeigt ein Aerosol, das eingeatmet wird. 59 Milligramm Nikotin pro Milliliter enthält eine US-amerikanische Juul, was einer Stärke von 5,0 Prozent Nikotin entspricht. Ein extrem hoher Wert, der nach Ansicht von Experten ein hohes Abhängigkeitspotenzial birgt. Mittlerweile gibt es in den USA auch Kapseln mit geringeren Dosierungen zu kaufen.

Die deutsche Juul soll laut Deutschland-Chef Kramer rund 1,7 Prozent Nikotin enthalten. Das entspricht maximal 20 Milligramm Nikotin pro Milliliter und ist die Menge, die laut EU-Vorgaben gerade noch zulässig ist. Die Flüssigkeit in einer Juul-Kartusche reicht für rund 200 Züge. Eine Menge, die in etwa mit einer Schachtel Zigaretten zu vergleichen ist. 

Nach Firmenangaben richtet sich Juul an erwachsene Raucher, die nicht weiter Tabak qualmen wollen, aber nicht vom Nikotin loskommen. In Deutschland ist mehr als jeder fünfte Erwachsene über 15 Jahre nikotinsüchtig und greift zur Zigarette. Das macht den deutschen Markt attraktiv. Langfristig, so sagt Juul-Gründer James Monsees, soll seine E-Zigarette die herkömmliche Tabakzigarette verdrängen, „überflüssig“ machen.

Juul ist deshalb einer normalen Zigarette nachempfunden: einfach in der Handhabung, ähnlich in der Wirkung. Der Plan der Gründer scheint aufzugehen, zumindest in den USA. Juul wurde Mitte des Jahres 2015 eingeführt und hat seitdem nach Angaben des Marketing-Instituts Nielsen über 70 Prozent des US-Marktes für E-Zigaretten geschluckt. In den USA stammen demnach fast drei von vier verkauften E-Kippen aus dem Hause Juul.

Umstrittene Videos im Netz

Doch auch Jugendliche fühlen sich von dem Produkt angesprochen. Der Begriff „juulen“ ist an High Schools längst in den normalen Sprachgebrauch übergegangen. Im Netz kursieren Videos von augenscheinlich Minderjährigen, die sich beim Juul-Rauchen inszenieren: Sie ziehen an dem Stick, inhalieren den nikotinhaltigen Dampf, pusten Ringe in die Luft. Ein Video mit dem Titel „Learning how to JUUL from my little brother“ hat auf YouTube mehr als zwei Millionen Klicks gesammelt. Unter dem Video häufen sich Liebesbekundungen von Teenie-Mädchen für den jungen Mann im Video.

Die E-Zigarette Juul hat keine Druckknöpfe und erinnert an einen länglichen USB-Stick

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA spricht angesichts der Anzahl an jugendlichen E-Zigaretten-Nutzern von einer „Epidemie“ – nennt Juul dabei aber nicht namentlich. „E-Zigaretten sind zu einem fast allgegenwärtigen und gefährlichen Trend unter Teenagern geworden“, warnt etwa der FDA-Arzt Scott Gottlieb. Seine Behörde hat im November alarmierende Zahlen veröffentlicht: Demnach ist die Zahl der E-Zigaretten-Konsumenten in der Mittel- und Oberstufe binnen eines Jahres um 1,5 Millionen Nutzer angestiegen. Alleine an den High Schools zieht inzwischen mehr als jeder fünfte Schüler an einer E-Zigarette.

E-Zigaretten wie Juul? Für Nichtraucher tabu

Die Behörde kündigte umfassende Maßnahmen an. Man werde nicht zulassen, dass eine „ganze Generation von jungen Menschen nikotinsüchtig“ werde, so Gottlieb weiter. Im Raum stehen mögliche Werbe- und Verkaufsverbote.

Rauchen und Krebs

Wie stark sinkt mein Krebsrisiko, wenn ich jetzt mit dem Rauchen aufhöre?

Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat sich zu E-Zigaretten positioniert. Zwar weisen die Experten in einer Stellungnahme darauf hin, dass E-Zigaretten sehr wahrscheinlich deutlich weniger schädlich als Tabakzigaretten seien. Gleichzeitig warnen sie aber davor, mögliche Schäden für die Gesundheit zu unterschätzen. E-Zigaretten seien „keine harmlosen Life-Style-Produkte“, heißt es in einem Fact-Sheet des DKFZ. Die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit seien „unbekannt“. Nichtraucher sollten deshalb nicht zu E-Zigaretten greifen.

Auf Nachfrage räumen die Juul-Gründer ein, dass Langzeituntersuchungen zu den Auswirkungen des Nikotin-Dampfes fehlen. Es gebe die Produkte nicht lange genug, um Vorhersagen zu möglichen Gesundheitsrisiken treffen zu können. Sie verweisen auf Einordnungen wie die des DKFZ und der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England. Demnach sei Dampfen circa 95 Prozent weniger gesundheitsschädlich als Rauchen.

Die Clips auf YouTube seien ihnen bekannt. Juul-Gründer Monsees nennt sie „schrecklich“ und „nicht okay“. Minderjährige sollten nicht zu Juul greifen.

Das Unternehmen hat mittlerweile angekündigt, sämtliche Werbung auf Social-Media-Plattformen einstellen zu wollen. Und für den Deutschland-Start erst gar nicht damit anzufangen. „Es wird kein Facebook, kein Twitter geben“, beteuert Deutschland-Chef Kramer. „Da halten wir uns komplett raus.“

Ganz ohne Werbe-Maßnahmen geht es dann aber doch nicht. Es werde Plakatwerbung geben, die sich an erwachsene Raucher richte, erklärt Kramer. Einen gängigen Juul-Konsumenten stellt er sich so vor: „Ab etwa 30 Jahre, mit beiden Beinen im Leben stehend und Raucher, der gesundheitsbewusster leben möchte.“ Grundsätzlich sei ein Rauchstopp jedoch die „beste Option“.

In Deutschland geht Juul mit fünf Geschmacksrichtungen an den Start. Sie heißen „rich tobacco“, „mint“, „mango“, „apple“ und „royal creme“ – letztere erinnere geschmacklich an crème brûlée, so Kramer. Geplant seien außerdem Maßnahmen beim Jugendschutz, die „über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen“, etwa Testkäufe im Handel. Locken süße Geschmacksrichtungen nicht auch junge Nichtraucher an? Tobias Gerlach, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei Juul Deutschland, verneint das. Die Geschmacksvarianten seien vor allem für erwachsene Raucher beim Wechsel „attraktiv“.

WHO warnt vor E-Zigaretten

Vera da Costa e Silva schenkt solchen Argumenten wenig Glauben. Sie arbeitet bei der Anti-Tabak-Konvention der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und warnte bereits Anfang Oktober davor, dass das Rauchen durch Zigarettenalternativen wieder salonfähig gemacht werde. „Es gibt kein Marketing nur für Raucher. Es lässt sich gar nicht verhindern, dass Werbung auch Kinder und Jugendliche erreicht“, erklärte sie im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur.  Auch attraktive Geschmacksrichtungen wie Mango richten sich ihrer Meinung nach „immer an Kinder und junge Leute“.

Zwar sei es durchaus möglich, dass einige starke Raucher durch Zigarettenalternativen von ihrer Sucht loskämen. Der Nutzen stehe jedoch nicht im Verhältnis zu der Gefahr, dass junge Menschen zum Rauchen verleitet würden.

Es bleibt abzuwarten, welches Kapitel der Deutschland-Start zu der Geschichte von Juul hinzufügen wird. Gründer Adam Bowen kündigte an, Juul nach Deutschland auch in weiteren westeuropäischen Ländern einführen zu wollen.


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