Unfallchirurgin über enormen Zeitdruck in ihrem Job: "Es wird oft auch schlechter operiert"

Die Patientin, 75 Jahre alt, war auf der Straße gestürzt und hatte sich die Speiche am Unterarm gebrochen. Auf dem Röntgenbild waren die Bruchstücke nur wenig verschoben. Operieren oder Unterarmschiene? Wäre sie jünger und berufstätig, wäre es einfach: Mit einer OP würde sie ihre Hand schneller wieder gebrauchen können. Doch sie war Rentnerin und darüber hinaus auch noch Rechtshänderin: Sie brauchte ihre linke Hand nicht dringend. Darüber hinaus litt sie an Osteoporose, Knochenschwund, deshalb würde sie ohnehin vier Wochen einen Gips tragen. Ich erklärte beide Optionen, dazu bin ich verpflichtet, und sie entschied eindeutig: Keine OP.

Um ganz sicher zu gehen, befragte ich noch meine Kollegin und unseren Oberarzt, die sahen es genauso. Am nächsten Tag war unser Chefarzt erbost. Man hätte sie operieren müssen, sagte er. „Sie wollte keine OP“, sagte ich. „Doch! Gerade habe ich mit ihr gesprochen. Sie wird morgen operiert.“ Was soll ich sagen? Er hatte vor ihr seine Pfauenfedern ausgebreitet, mit seiner großen Erfahrung geprahlt und sie so zu einem gänzlich unnötigen Eingriff überredet. Wäre sie meine Mutter, hätte ich abgeraten. Bei der OP können Nerven und Blutgefäße verletzt werden. Auch die Narkose kann gerade bei älteren Patienten zu Komplikationen führen. Aber der Eingriff bringt 700 Euro, ein Gips nur 50.

In den Zeiten von Fallpauschalen zählt jeder Eingriff, und je kürzer er braucht, desto besser. Die OP-Säle müssen rund um die Uhr laufen. Wenn wir weniger Eingriffe machen, klaut uns vielleicht nächste Woche die Gefäßchirurgie einen halben OP-Tag. Und die Geschäftsführung würde sich fragen, was ist in der Unfallchirurgie los? Unter dem enormen Zeitdruck wird oft auch schlechter operiert. Gibt es zwei OP-Varianten, wählt man nicht die bessere, sondern die schnellere.

Und es wächst ein Problem für die Zukunft: Junge Kollegen können heute an vielen Häusern ihre Pflicht-Eingriffe nicht mehr absolvieren, weil sie zu lang brauchen würden. Allenfalls assistieren sie. Aber am Ende bekommen sie für die Zulassung zur Facharztprüfung Eingriffe bescheinigt, die sie nicht eigenverantwortlich gemacht haben. Die Gefahr: Sie werden mangelhaft ausgebildet auf die Patienten losgelassen.

*Name von der Redaktion geändert

Sind Sie Ärztin oder Arzt?

Falls Sie den Mediziner-Appell (hier zum Nachlesen) namentlich unterstützen wollen, schreiben Sie uns bitte an [email protected] Die Liste der Unterzeichner wird auf stern.de veröffentlicht. Um überprüfen zu können, dass Sie wirklich Ärztin oder Arzt sind, benötigen wir von Ihnen folgende Angaben (nur Punkt 1-3 wird veröffentlicht):

1. den vollständigen Namen

2. Facharztbezeichnung und Funktion

3. Arbeitsort

4. Arbeitgeber

5. E-mail von einem verifizierbaren Account (z.B. Ihre Praxis, Ihr Arbeitgeber)

6. Hilfreich: Website-Auftritt Ihrer Praxis oder Ihres Arbeitsgebers mit Angaben zu Ihnen

Sollten Sie Beispiele beobachten, die zeigen, wie wirtschaftliche Zwänge ärztliche Entscheidungen beeinflussen, schreiben Sie uns gern auch dies. Wir nehmen dann vertraulich Kontakt zu Ihnen auf.



Neu in Gesundheit



Quelle: Den ganzen Artikel lesen