Fataler Rat der Ärzte kostete wohl Zehntausende Babys das Leben

Der Widerspruch zu den Empfehlungen internationaler Fachärzte kam von einem medizinischen Laien. Kriminalkommissar Roland Zumpe aus Delmenhorst bei Bremen äußerte vorsichtige Zweifel daran, dass die Bauchlage die optimale Schlafposition für Babys sei.

„Bedenken, ob die Eltern die moderne Empfehlung ‚Bauchlage‘ richtig anwenden, kommen jedoch auf, wenn in einem relativ kleinen Dienstbereich im Zeitraum von knapp zwei Jahren fünf Fälle bekannt wurden, in denen Säuglinge erstickt sind, ohne Erbrochenes eingeatmet zu haben“, schrieb der Polizist 1973 in der Zeitschrift „Kriminalistik“.

„In allen Fällen hatten die Kinder mit dem Gesicht auf einem mehr oder weniger weichen, althergebrachten Babykissen oder einer weichen Decke geruht“, berichtete Zumpe.

Eine tödliche Empfehlung der Ärzte

Zwei Jahre vorher hatten Kinderärzte auf einer internationalen Tagung in Wien die Bauchlage als Schlafposition empfohlen. Dies bessere die motorische Entwicklung, fördere tiefen Schlaf und schütze das Kind davor, Erbrochenes einzuatmen, glaubten Experten damals. Danach stiegen die Fälle von Plötzlichem Kindstod (SIDS; Sudden Infant Death Syndrome) deutlich an.

Die Empfehlung habe mehrere zehntausend Kinder das Leben gekostet, konstatierte der Rechtsmediziner Jan Peter Sperhake vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf im Fachblatt „Rechtsmedizin“. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar ist nicht nur die damalige, wissenschaftlich ungeprüfte Empfehlung, sondern auch der Umstand, dass sich dieser Irrglaube – trotz vieler Warnhinweise – in vielen Ländern jahrzehntelang hielt.

„Im Nachhinein ist es unglaublich, dass das so lange gedauert hat“, sagt Sperhake. „Aber wenn international angelegte Kampagnen einmal in der Welt sind, lassen sie sich nur schwer wieder rückgängig machen.“

Die DDR reagierte schneller als die Bundesrepublik

In der DDR wurde der Fehler rasch erkannt. Nach mehreren auffälligen Todesfällen erlaubte das Gesundheitsministerium schon im Frühjahr 1972 die Bauchlage für Kinder in Krippen nur noch im Wachzustand und unter Beobachtung. In der Bundesrepublik widersprachen der Kinderarzt Gerhard Jorch der Lehrmeinung 1982.

„Angesichts von jährlich mehr als 1000 solcher SIDS-Todesfälle allein in den alten Bundesländern muss die Frage gestellt werden, ob nicht auch hierzulande der Zeitpunkt für die Warnung vor der Bauchlage als bevorzugter Lagerung des Säuglings im Schlaf gekommen ist“, schrieben die Experten.

„Damals rief mich einer der führenden Kinderärzte in Deutschland an und sagte: ‚Nach diesem Artikel sind Sie verbrannt!‘“, erinnert sich Jorch. Der Kollege behielt Unrecht. Jorch ist seit 1998 Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie der Universität Magdeburg. „Es gab schon lange Hinweise darauf, dass die Bauchlage gefährlich ist“, so Jorch. „Aber daraus ist nie eine Kampagne geworden.“

Kampf gegen den Plötzlichen Kindstod

Das änderte sich erst nach der Wiedervereinigung – nicht zuletzt dank Jorchs Artikel im „Ärzteblatt“. Im Jahr 1991 starben in Deutschland noch 1285 Babys am Plötzlichen Kindstod, die weitaus meisten davon im Westen. Danach fiel der Wert stetig. Im Jahr 2015 waren es laut Statistischem Bundesamt 127 Kinder – das entspräche bei stabiler Zahl der Kinder einem Rückgang um gut 90 Prozent.

Trotz der positiven Entwicklung zählt der Plötzliche Kindstod – neben angeborenen Fehlbildungen – immer noch zu den häufigsten Todesursachen von Kindern im ersten Lebensjahr. Und weiterhin gibt das Phänomen Medizinern Rätsel auf. Das liegt auch in der Definition begründet.

Ein medizinisches Phänomen

„Vom Plötzlichen Kindstod spricht man dann, wenn ein Kind im ersten Lebensjahr unerwartet stirbt und man keine Ursache im herkömmlichen Sinn findet“, sagt Jorch. „Plötzlicher Kindstod ist keine Diagnose im eigentlichen Sinn, sondern eine Ausschlussdiagnose.“ Demnach umfasst das Phänomen Todesfälle, die medizinisch nicht erklärt werden können.

Sobald es eine Diagnose gibt, kann es sich nicht mehr um Plötzlichen Kindstod handeln. Oft wird betont, dass Jungen stärker gefährdet seien als Mädchen. Jorch führt dies darauf zurück, dass Jungen generell etwas anfälliger für Gesundheitsprobleme seien. Laut Statistik starben 2015 genau 67 Jungen und 60 Mädchen an SIDS.

Das gefährlichste Alter ist die Phase vom 2. bis 4. Lebensmonat. Jorch führt das darauf zurück, dass Kinder in diesem Alter mobiler werden. „Kinder fangen ab dem 2. Monat an, sich mehr zu bewegen“, sagt er. „Sie können sich dann in eine gefährliche Lage bringen, sich aber noch nicht daraus befreien.“

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