Persönliche Gesundheit

„Ich feiere das Leben jeden Tag“

Morgens, als sie in den Spiegel blickte, stutzte Annette Hansen*: Ihre rechte Brustwarze schien verändert. Vier Monate zuvor war sie noch bei der jährlichen Vorsorgeuntersuchung; ihre Gynäkologin hatte gesagt, es sei alles in Ordnung. Trotzdem beschlich Hansen nun eine böse Vorahnung. Zehn Tage später, im Oktober 2015, erhielt sie im Krankenhaus die Diagnose: Brustkrebs, schnell wachsend.

„Das hat mir total den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Hansen. „Ich dachte, das war’s jetzt.“ Eine Woche später folgte eine gute Nachricht: Der Krebs hatte noch keine Metastasen gebildet. Die Ärzte sagten, die Heilungschancen stünden gut. „Das war wie ein Feiertag für mich, es hätte auch noch schlimmer sein können. Ich wusste: Ich kann das schaffen.“

Rund jede zehnte Frau erkrankt mindestens einmal in ihrem Leben an Brustkrebs, insgesamt knapp 70.000 Erstdiagnosen gibt es jährlich in Deutschland. Die meisten Patientinnen haben allerdings eine gute Prognose: Heute leben fünf Jahre nach der Diagnose noch knapp 90 Prozent der erkrankten Frauen. Der Verlauf hängt jedoch von vielen Faktoren ab: der Größe des Tumors, seiner Lage oder ob er bereits metastasiert hat.

Nach dem ersten Schock kam Hansen die Idee, ihre Geschichte in Bildern festzuhalten. Sie schrieb die Fotografin Heike Günther an, die ein paar Jahre zuvor bereits eine andere Frau mit Brustkrebs porträtiert hatte, und fragte, ob sie ihr helfen würde. Sofort sagte Günther zu. „Ich hatte die naive Vorstellung, dass ich mir ein Jahr später die Fotos angucke und zurückblicken kann“, sagt Hansen. „Dass es schlecht ausgeht, kam für mich in diesem Moment nicht mehr infrage.“

Das erste Foto entstand kurz nach der Diagnose. Von nun an begleitete die Fotografin Hansen zu allen wichtigen Stationen: zum Friseur, als sie ihre Perücke bekam, zur Chemotherapie, zur Bestrahlung. „Es hat mich sehr gestärkt, weil ich immer jemanden dabeihatte“, sagt Hansen. Außerdem eröffneten ihr die Fotos neue Perspektiven, sie konnte sich selbst in bestimmten Momenten von außen sehen. Hansen ließ Günther in den anderthalb Jahren auch an Alltagssituationen mit der Familie teilnehmen.



Hansen musste in dieser Zeit oft stark sein. Mit Freunden und ihrem Mann fiel es ihr leicht, über die schwere Erkrankung zu sprechen, doch da war noch ihr sechsjähriger Sohn. Wie sagt man es einem Kind? Hansen und ihr Partner holten sich Hilfe bei der Stiftung phönikks, übten, es dem Jungen schonend beizubringen, aber gleichzeitig ehrlich mit ihm zu sein.

Nicht immer kam das Umfeld damit klar, dass die Familie so offen mit der Erkrankung umging. „Muss Ihr Sohn so viele Details über Ihre Erkrankung wissen?“, fragte die Lehrerin des Jungen. Andere fanden es gut, dass Hansen viel darüber sprechen wollte, sagten, dass es ihnen so leichter gefallen sei, mit Hansens Erkrankung umzugehen. Verwandte und Freunde unterstützten Hansen oft, sammelten Geld für die Perücke, begleiteten sie zur Chemotherapie.

Sechs Monate dauerte diese Behandlung. „Ich war froh, dass ich endlich etwas tun konnte, ich mich nicht mehr so machtlos fühlen musste“, sagt Hansen. Aber: Ihre Haare fielen aus, sie fühlte sich müde, „als hätte ich immer eine Flasche Wodka getrunken“.

Zur Linderung von weiteren Symptomen wie Übelkeit und Schmerzen nahm sie Kortison ein. Sie bekam Essattacken, konnte nachts nicht mehr schlafen. Es ging ihr zunehmend schlechter, sie musste immer mehr Hilfe annehmen. „Als ich gemerkt habe, dass der Kontrollverlust anfing und mein Körper mir die Freundschaft gekündigt hat – das war schon schlimm“, sagt Hansen.

Die Angst bleibt

Immer wieder blitzte dann doch der Gedanke hervor, dass sie sterben könnte. „Ich hatte Angst, dass ich dann nicht mehr für meinen Sohn da sein kann, ihn verlassen muss – auch wenn er einen großartigen Vater hat“, sagt Hansen. „Und ich fand die Vorstellung schrecklich, dass ich dann irgendwann nur noch eine Erinnerung für ihn bin, ein Foto an der Wand.“ Schnell versuchte sie, diese Gedanken wieder zur Seite zu wischen.

Kurz nach der Chemotherapie folgte die Brustoperation. Um das Risiko für eine erneute Erkrankung zu minimieren, ließ sich Hansen auch die zweite abnehmen. Für sie stand schnell fest, dass ein Brustaufbau nicht infrage kam. Lieber wollte sie ganz flach sein, als eine künstliche Brust zu haben. Wenn sie heute Lust darauf hat, trägt sie Epithesen, in die Sauna geht sie trotzdem „Nur manchmal, wenn ich mich sehr verwundbar fühle, dann trage ich einen Badeanzug.“

Nach der Bestrahlung muss Hansen mehrere Jahre lang sogenannte Aromatasehemmer einnehmen. Diese unterdrücken die Hormonproduktion, da ihr Tumor hormonabhängig war. Auch regelmäßige Ultraschalluntersuchungen, Bluttests und Computertomografie-Aufnahmen dienen der Nachsorge.

„Ich denke nicht permanent darüber nach, dass ich sterben könnte. Es kann immer noch anders ausgehen, aber jetzt war es das erst mal für diesen Zyklus. Das Bewusstsein, dass alles endlich ist, hat sich schon stark bei mir verankert“, sagt Hansen. „Deshalb feiere ich das Leben jeden Tag.“

*Name wurde von der Redaktion geändert.

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