Charitè-Epidemiologe schlägt Alarm: Einzige Option ist der Lockdown

Mehr als 100.000 Tote, immer wieder Rekordwerte bei den Neuinfektionen: Die Corona-Lage in Deutschland ist ernst. Charité-Epidemiologe Tobias Kurth ruft daher zu einem erneuten Lockdown auf. In seinen Augen ist er die einzige Option, um die Situation zu bewältigen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie starben in Deutschland mehr als 100.000 Menschen in Folge ihrer Infektion. Die Fallzahlen steigen immer weiter, sind so hoch wie nie zuvor. Für Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health der Berliner Charité, eine "Katastrophe". Im Interview mit "Deutsche Welle" zeigte er sich alarmiert über den Zustand der Pandemie in Deutschland.

Charité-Epidemiologe: Einzige Option ist der Lockdown

"Für jede Minute, in der wir zögern, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen, werden wir diesen Notstand weiter haben. Und wir werden mehr Fälle von Menschen sehen, die eingeliefert werden müssen und Menschen, die leider sterben werden", sagte Kurth im Gespräch. Wir hätten "viel zu lange gewartet", um etwas zu unternehmen. Seine Schlussfolgerung: "Jetzt gibt es keine andere Option mehr als einen Lockdown".

Der Impfprozess allein werde nicht helfen, um die Lage zu entschärfen. Zwar seien weitere Impfungen in Zukunft wichtig – aber nicht jetzt, um aus der gegenwärtigen Notsituation herauszukommen. Stattdessen müssten wir andere Maßnahmen umsetzen.

In Bayern gilt teilweise schon der Lockdown

Vereinzelte Lockdowns gibt es in Deutschland schon. So gilt dieser etwa in Bayern in jedem Landkreis, der die 7-Tage-Inzidenz von 1000 überschreitet. Dort muss dann das öffentliche Leben in weiten Bereichen heruntergefahren werden. Dann müssen Gastronomie und Beherbergungsbetriebe aller Art, Sport- und Kulturstätten schließen, Freizeit-, Sport- und Kulturveranstaltungen werden untersagt. Hochschulen müssen auf digitale Lehre umstellen. Schulen und Kitas bleiben offen, der Handel ebenso – dort gilt dann aber eine verschärfte Beschränkung: eine Person pro 20 Quadratmeter.

Sie wollen wissen, wie sich die Inzidenz in Ihrem Landkreis entwickelt? FOCUS Online hat gemeinsam mit Statistikerin Katharina Schüller einen Rechner entwickelt. Dieser speist sich aus Daten des Robert-Koch-Instituts und prognostiziert die Entwicklung der Corona-Fälle in den jeweils kommenden sieben Tagen – auf Bundeslandebene genauso wie für Kreise und Städte. Ihre Planung, ob alles beim Alten bleibt, Regeln wahrscheinlich verschärft oder gelockert werden können, soll das einfacher machen.

Inzidenz-Prognose von FOCUS Online für Bundesländer, Städte und Kreise

Unter dem Reiter „Region auswählen“ finden Sie zunächst die Bundesländer. Darunter können Sie gezielt Ihre Stadt oder Ihren Kreis auswählen und den Inzidenz-Verlauf der kommenden Woche modellieren lassen.

RKI und Virologe Drosten mahnen zur Impfung

Den Schwellenwert der 100.000 Corona-Toten überschritt Deutschland in der Nacht zum Donnerstag. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete die Zahl um 03.47 Uhr. "Hinter dieser Zahl stehen 100.000 Menschen, die ihr Leben verloren haben. Und noch viel mehr Kinder, Eltern, Geschwister, Partner*innen, Freund*innen, Kolleg*innen, die um sie trauern", schrieb das RKI dazu auf Twitter.

Im Gegensatz zu Epidemiologe Kurth betont das RKI nochmals die Relevanz der Impfungen: Dadurch sei eine Vielzahl der Todesfälle vermeidbar. Um die Zahl der Corona-Toten aber dauerhaft niedrig zu halten, müssten deutlich mehr Menschen in Deutschland geimpft sein. Sollte es da keinen Fortschritt geben, müsse sich Deutschland auf mindestens 100.000 weitere Corona-Tote vorbereiten, "bevor sich das Fahrwasser beruhigt", sagte kürzlich der Berliner Virologe Christian Drosten. "Das ist eine konservative Schätzung." Er leitet die Zahl durch vergleichende Überlegungen mit Großbritannien her.

100.000 Corona-Tote in Deutschland

Die meisten Corona-Toten gab es laut RKI im vergangenen Winter mit teils mehr als 1000 pro Tag gemeldeten Fällen. Damals starben auch nach Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen viele Menschen. Momentan sind die Sterbezahlen wesentlich niedriger, obwohl es deutlich mehr Infektionen gibt. Am Donnerstag erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz einen Höchststand von 419,7. Die Zahl der binnen eines Tages übermittelten Corona-Neuinfektionen überschritt erstmals die Schwelle von 70.000. Die Gesundheitsämter meldeten laut RKI-Angaben 75.961 Fälle in 24 Stunden. Von diesen Menschen stürben in zwei bis drei Wochen einige Hundert, mahnte das RKI.

Dass jetzt weniger Infizierte sterben, liegt auch daran, dass große Teile der Bevölkerung geimpft sind – insbesondere bei den besonders gefährdeten älteren Menschen. Die Schutzwirkung der Impfung vor einem coronabedingten Tod schätzte das RKI schätzte das RKI für die vergangenen Wochen bei Menschen ab 60 meist auf über 85 Prozent. Unter den Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung bekommen, liegt die Sterblichkeit laut Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bei 30 bis 50 Prozent.

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