Coronavirus-Kreuzimmunität: Warum die Schweinegrippe milder verlief – Naturheilkunde & Naturheilverfahren Fachportal

Gibt es eine unentdeckte Immunität gegen SARS-CoV-2?

Die Coronavirus-Pandemie wird oft mit der Schweingrippe H1N1 aus dem Jahr 2009 verglichen. Damals wurde eine schwere weltweite Erkrankungswelle mit zahlreichen Todesfällen prognostiziert, die dann aber wesentlich milder verlief als angenommen. Wie kam es zu dieser groben Fehleinschätzung?

Professor Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, erklärte kürzlich in dem NDR-Podcast „Coronavirus-Update“, wie es dazu kam, dass die Schweinegrippe im Jahr 2009 zunächst als tödliche Pandemie prognostiziert wurde, dann aber unerwartet mild verlief. Viele Menschen denken, dass es bei dem Coronavirus SARS-CoV-2 genauso sein könnte. Bei der Schweinegrippe lagen jedoch gänzlich andere Voraussetzungen vor, wie der Coronavirus-Experte Drosten verdeutlicht.

Fehlalarm bei der Schweinegrippe

Die Schweinegrippe im Jahr 2009 verlief deutlich milder als zunächst von den Expertinnen und Experten vorhergesagt wurde. „Da sind nicht mehr Patienten dran verstorben als an einer normalen saisonalen Influenza, aber auch nicht weniger, wie das manchmal dargestellt wird“, so Drosten. Heute wisse man genau, warum man sich damals so verschätzt hat. Die Schweinegrippe war keinesfalls komplett harmlos, es gab jedoch damals nicht bekannte Effekte, die dazu führten, dass die Pandemie so mild verlief.

Alte Menschen zeigten sich widerstandsfähig gegen die Schweinegrippe

Damalige Tierversuche vermittelten den Eindruck, dass das Virus H1N1 wesentlich gefährlicher für den Menschen sein könnte, als sich im Endeffekt herausstellte. „Und was man aber erst nach vielen Monaten gesehen hat, war etwas, das überraschend war, und zwar man hat erst mal an den Inzidenz-Daten gesehen, dass die Alten in der Bevölkerung gar nicht so schwer krank werden“, berichtet Drosten. Gerade die Personen, die man als Risikogruppe vermutete, zeigten sich erstaunlich widerstandsfähig gegen das Virus.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen besaßen eine Hintergrundimmunität

Forschungen zu dieser Beobachtung zeigten dann den Grund: „Man hat gesehen, dass eben doch diejenigen Patienten, die ein gewisses Alter hatten, eine Hintergrundimmunität hatten – und zwar sowohl auf der zellulären Ebene als auch später dann messbar mit genaueren Tests, die man durchgeführt hat, sogar sichtbar auf der Antikörperebene“, fasst der Virologe zusammen. Heute wisse man erst, woher diese Hintergrundimmunität stammte.

Wie kam es zu dieser unerwarteten Hintergrundimmunität?

Um zu erklären, wie die unerwartete Immunität zustande kam, muss man zurück bis zur Spanischen Grippe im Jahr 1918 gehen. Diese pandemische Influenza wurde auch durch ein H1N1-Virus verursacht. „Dieses H1N1-Virus zirkulierte bis zum Jahr 1957“, schildert Drosten. Danach wurde das Virus durch ein H2N2-Virus verdrängt, die sogenannte Asiatische Grippe, welche dann bis zum Jahr 1968 vorherrschte und dann wiederum von der Hongkong-Grippe H3N2 abgelöst wurde. „Dieses H3N2-Virus zirkuliert bis heute“, so der Virologe.

Im Jahr 1977 kam es zu einer erneuten kleinen Pandemie mit einem H1N1-Virus – die sogenannte Russische Grippe. „Dieses H1N1-Virus ist identisch mit dem H1N1-Virus der Spanischen Grippe und deren Nachfolger, die zwischen 1918 und 1947 zirkulierten“, erklärt der Virus-Fachmann. Dieses Virus kursierte bis zum Jahr 2009.

H1N1-Virus vermittelte einen Kreuzschutz

Die Spanische Grippe und die Russische Grippe waren der Schweinegrippe ähnlich und platzierten eine Kreuzimmunität in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Dabei kommt ein Effekt zu tragen, den Epidemiologen „original antigenic sin“ (antigenetische Ursünde) nennen. Drosten erklärt, dass dieser Effekt aussagt, dass die Influenza, mit der man sich als Erstes im Leben infiziert, am stärksten im Immungedächtnis verankert ist – und zwar für den Rest des Lebens.

„Wir hatten rückblickend aus dem Jahr 2009 nun zwei Gruppen in der Bevölkerung, die ein immunologisches Gedächtnis gegen H1N1 hatten“, folgert der Virologe. Die wichtigste Gruppe sei dabei die Gruppe, die ihre erste Influenza-Erkrankung durch Viren erlitten, die direkte Nachfolger der Spanischen Grippe waren. All diejenigen, die im Jahr 2009 älter als 51 Jahre alt waren, seien mit großer Wahrscheinlichkeit bereits mit dem H1N1-Virus in Kontakt gekommen, wodurch das Immungedächtnis auf die Schweinegrippe effektiv reagieren konnte.

Zudem gab es eine Gruppe von jüngeren Patientinnen und Patienten, die durch die Russische Grippe ebenfalls mit H1N1-Viren in Berührung kamen. Diese komplexen Zusammenhänge, die sich erst später erschlossen, wurden damals unterschätzt, beziehungsweise waren gar nicht bekannt.

Könnte es eine solche Kreuzimmunität auch bei Coronaviren geben?

Drosten betont, dass man derzeit nicht genau weiß, wie es sich mit dem Kreuzschutz bei dem Coronavirus SARS-CoV-2 verhält. Immerhin gibt es ja auch andere weniger gefährliche Coronaviren, die während der Grippesaison kursieren. Theoretisch sei es also möglich, dass auch eine gewisse Hintergrundimmunität bei SARS-CoV-2 in manchen Personen besteht. „Es kommen in diesen Tagen neue Studien raus, die wieder Kreuzschutzdaten präsentieren, die auch vermuten lassen, es gibt ein bisschen Kreuzschutz, aber sicherlich nicht, das wage ich jetzt doch mal zu sagen, sicherlich nicht in dem Ausmaß, wie das damals offenbar bei der 2009er H1N1-Pandemie der Fall war“, resümiert Professor Drosten. (vb)

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