Knallhart-Appell! Top-Virologen wollen „Lockdown für ganz Deutschland“

Es sei nicht mehr kurz vor zwölf, es sei „mittlerweile halb eins“, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn zur Corona-Lage in Deutschland. Braucht es jetzt einen Lockdown für Ungeimpfte – oder gar für alle? Führende deutsche Virologen und Epidemiologen sehen keinen anderen Ausweg.

Die vierte Corona-Welle, sie ist zum Tsunami geworden. 67.125 Neuinfektionen meldeten die deutschen Gesundheitsämter alleine am Samstagmorgen – der Trend ist besorgniserregend . Vor allem im Süden und Osten der Republik sind die Intensivstationen längst überlastet, teilweise müssen Patienten in andere Bundesländer verlegt werden. Vergangenen Donnerstag hat die Zahl der Corona-Toten in Deutschland die Marke von 100.000 überschritten. Und zu allem Überfluss bereitet eine neue, aggressive Virus-Variante aus Südafrika den Experten Sorgen.

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Längst hat Deutschland die Kontrolle über das Virus verloren. Drastische Maßnahmen, die noch vor wenigen Wochen undenkbar erschienen, werden jetzt wieder zu validen Handlungsoptionen. In der Bundespressekonferenz am Freitag dachte der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) etwa laut über einen Lockdown nach – ohne das L-Wort in den Mund zu nehmen. „Die Zahl der Kontakte muss runter, deutlich runter“, sagte Spahn. „Es nützt alles nichts.“

Als konkrete Möglichkeiten nannte Spahn die Absage von Großveranstaltungen und Feiern sowie die konsequente Anwendung der „2G Plus“-Regel im öffentlichen Raum. Doch vielen renommierten deutschen Virologen gehen die angedachten Maßnahmen noch nicht weit genug. Sie fordern einen Lockdown für Ungeimpfte nach österreichischem Vorbild – oder gleich einen Lockdown für alle.  

„Ein harter Lockdown wäre für alle das Beste“

„Wir müssen uns eingestehen, dass sich die vierte Welle ohne vollständigen Lockdown nicht mehr aufhalten lassen wird“, schrieb etwa Epidemiologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg am Sonntag in seiner Kolumne für FOCUS Online. In der derzeitigen Lage gebe es nur noch wenige Optionen, um Ältere und Menschen mit schwachem Immunsystem vor einer Infektion zu schützen. „Diese Chance zu nutzen, muss oberste Priorität haben“, forderte Kekulé.  imago images/APress Virologe Alexander Kekulé

„Virologisch gesehen wäre ein harter Lockdown für alle jetzt das Beste“, empfiehlt auch Virologe Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität Gießen im Gespräch mit FOCUS Online. Obwohl es sich vorrangig um eine „Pandemie der Ungeimpften“ handle, helfe nur ein Lockdown, um die Zahlen zu senken.

„Am effektivsten wäre ein Lockdown für ganz Deutschland“, fordert Weber daher, „denn auch lokale Lösungen werden nicht ausreichen. Klar ist, dass man mehr tun muss, als die Politik jetzt beschlossen hat.“

Lockdown: „Die Politik muss jetzt handeln“

„Wir werden um einen Lockdown für alle in der jetzigen Situation nicht herumkommen“, prophezeit auch der Virologe Martin Stürmer vom IMD Labor Frankfurt auf Nachfrage von FOCUS Online. „Der muss flächendeckend sein. Der Lockdown ist die einzige Maßnahme, die jetzt konsequent, schnell und bewährt die Zahlen nach unten bringen kann. 2G, 3G – alles andere können wir später diskutieren, wenn die Zahlen wieder runtergehen.“ Stürmer/privat/dpa/Archivbild Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer steht in seinem Labor.

Zwar sei es nach wie vor wichtig, die Impfquote in der Bevölkerung zu steigern, sagt Stürmer. Aber Maßnahmen wie eine Impfpflicht seien keine kurzfristige Hilfe. „Unser oberstes Ziel muss es sein, die Zahlen jetzt ganz, ganz schnell und radikal nach unten zu bringen“, sagt Stürmer. „Und das geht nur mit einem Lockdown.“

„Wir brauchen dringend eine Kontaktreduktion und die klare Nachricht, dass es sehr ernst ist“, mahnt der Epidemiologe Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. „Jede Kontaktreduktion, ob von Geimpften oder Ungeimpften, trägt dazu bei, die Übertragung einzudämmen. In der jetzigen Situation sollten alle Beteiligten alle Kontakte auf das Nötigste beschränken. Bei hohen Inzidenzen wie aktuell ist das auch für Geimpfte geboten. Die Politik muss jetzt handeln.“

Deutschland erlebe gerade ein Déjà-Vu aus dem vergangenen Jahr, konstatiert Reintjes. „Wir warten und warten, obwohl die Zahlen so hoch wie nie sind. Der Anstieg ist noch nicht gestoppt. Dringendes Handeln ist geboten!“

Spinner fordert Kombination aus mehreren Maßnahmen

Für Virologe Christoph Spinner wären mehrere Maßnahmen in Kombination wichtig: „Entscheidend ist es wie in den vorherigen Wellen, mehrere Maßnahmen zur Pandemiekontrolle zu kombinieren. Neben Boosterimpfungen und Erhöhung der Impfquote sind auch nicht-pharmazeutische Maßnahmen (wie z.B. AHA-Regeln, Kontaktreduktion) ein wirksames Instrument in der Pandemiekontrolle“, sagte er gegenüber FOCUS Online.

Aus infektiologischer Sicht sei es wichtig, das derzeitig schnelle Wachstum neuer Infektionsfälle und damit auch steigender Covid-19 Fälle in den Kliniken zu bremsen, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. FOCUS Online / dpa/Christoph Schmidt Virologe Christoph Spinner.

Er betont außerdem die Wichtigkeit der Booster-Impfung: „Geimpfte haben ein signifikant geringeres Infektions- und Übertragungsrisiko, wobei zur Aufrechterhaltung des Schutzes die Boosterung nach etwa sechs Monaten in allen Fällen erforderlich ist, wie aktuelle Zahlen belegen.“

Infektionsübertragungen seien durch geimpfte Personen sehr viel seltener. „Sie bleiben aber nur dann ohne relevante Anzahl weiterer schwerer Covid-19 Fälle, wenn die Impfquote in der Bevölkerung noch deutlich gesteigert werden kann“, sagt Spinner.

Im Hinblick auf Weihnachten sagt er: „Für ein möglichst sicheres Weihnachten mit der Familie kann bereits heute jeder sorgen, indem er sich noch Impfen oder Boostern lässt“.

Streeck plädiert für regional unterschiedliches Vorgehen

Für eine regionale Notbremse plädiert Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Man müsse „unterschiedlich hart in den verschiedenen Regionen vorgehen“, sagte Streeck zu FOCUS Online. „Dazu gehört in einigen Regionen die dringende Empfehlung zur starken Kontaktbeschränkung, Absage von Großveranstaltungen, Schließung von Bars und Clubs. Es wurde hier einfach zu spät reagiert. Je höher die Infektionszahlen werden, desto härter muss man dagegen vorgehen.“

Einen Hoffnungsschimmer gebe es aber, so Streeck: „Der R-Wert, der anzeigt, wie viele Menschen ein infizierter Mensch ansteckt, geht seit Tagen zurück und es ist zu hoffen, dass sich dies auch bald in den Infektionszahlen bemerkbar macht.“ Rolf Vennenbernd/dpa/Archivbild Hendrik Streeck.

„Wir sind schlimmer dran als vor einem Jahr“

Der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule Berlin spricht sich ebenfalls für konsequente Maßnahmen aus. „Jetzt ist es so, dass wir in eine Situation hineinlaufen und wahrscheinlich nur noch der Lockdown die Trendwende bringen wird“, sagte Ulrichs zu FOCUS Online. „Wir müssen also möglicherweise tatsächlich diese Notbremse betätigen. Etwas anderes bleibt eigentlich nicht mehr richtig übrig.“

„Wir sind schlimmer dran als vor einem Jahr“, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité Mitte November in seinem Podcast im Norddeutschen Rundfunk (NDR). „Das liegt auch daran, dass Kontakte nicht eingeschränkt wurden.“

Mittel- und langfristig sei der Ausweg aus der Pandemie klar: „Wir müssen die Impflücken schließen.“ Das „ideelle Ziel“ müsse „eine dreifach komplett durchgeimpfte Bevölkerung“ sein. Darauf könne man angesichts volllaufender Intensivstationen aber nicht warten. Kurzfristig müsse man wieder Maßnahmen diskutieren, „die wir eigentlich hofften, hinter uns zu haben“, sagte Drosten. Er erwarte einen sehr anstrengenden Winter „mit neuen, sagen wir ruhig: Shutdown-Maßnahmen“. Maßnahmen wie 3G oder selbst 2G reichten vermutlich nicht aus, um angesichts der Delta-Variante die Zahl der Infektionen genug zu senken. Fabrizio Bensch/Reuters Pool/dpa Virologe Christian Drosten ist für einen Mix aus Corona-Maßnahmen.

„Wir brauchen eine massive Reduktion der Kontakte – jetzt sofort“, forderte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, bei der Bundespressekonferenz am Freitag in Berlin. „Ich erwarte jetzt von den Entscheidern, dass sie alle Maßnahmen einleiten, um gemeinsam die Fallzahlen herunterzubringen“, sagte Wieler. „Der kommende Winter hängt von unserem Verhalten ab und von der Entscheidung der Verantwortungsträger, kontaktreduzierende Maßnahmen zu erlassen.“ Er verstehe nicht, was noch geschehen müsse, „damit wir davon überzeugt sind, dass wir alle verfügbaren Maßnahmen einleiten müssen, um diese vierte Welle zu brechen“.

Virologin besorgt über Omikron-Variante – Rat zu Booster-Impfung

Auch die Virologin Ulrike Protzer zeigt sich besorgt über die im Süden Afrikas entdeckte neue Coronavirus-Variante. Die Variante B.1.1.529 könne dazu führen, dass sich das Virus schneller vermehre oder auch infektiöser werde, sagte Protzer am Samstag im Deutschlandfunk. dpa/Sven Hoppe/dpabild Ulrike Protzer, Direktorin am Institut für Virologie der TUM und am Helmholtz Zentrum München.

Auf die Frage, ob aktuelle Corona-Impfstoffe noch ausreichend gegen die neue Variante wirken, sagte die Virologin, möglich sei, dass Antikörper das Virus nicht mehr so effizient neutralisieren können. Frisch nach einer Impfung gebe es aber viele Antikörper – das reiche dann aus, um auch Varianteviren "wegzuneutralisieren". Wenn die Impfung eine Weile her sei, könnten Auffrischungsimpfungen das Immunsystem "hochpushen". "Und dann, davon gehen wir alle aus, sollte das wieder ausreichen", sagte Protzer. Sie riet zugleich dazu, Booster-Impfungen mit den jetzt verfügbaren Impfstoffen vorzunehmen. Ob man später eine weitere Impfung brauche oder einen angepassten Impfstoff, könne man jetzt noch nicht sagen.

Im ZDF warnt Experte: "2G und 2G Plus werden nicht ausreichen"

"Unserer Meinung nach wird 2G und 2G Plus nicht ausreichen, um die aktuelle Welle zu brechen", erklärte Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, am Freitagabend im "ZDF".

Man erkenne derzeit bereits in den starkbetroffenen Bundesländern, dass diese Regeln nicht ausreichen würden. "Es braucht starke Kontaktbeschränkungen im öffentlichen wie auch im privaten Bereich. Am Ende kommt das einem Lockdown gleich", meint Lehr. In der Zwischenzeit müsse man Boostern und Impfen, "das ist der Weg aus dieser vierten Welle".

 

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