Coronavirus

Gurgeltest: Für viele Kinder angenehmer als ein Rachenabstrich

SPIEGEL: Herr Kabesch, der Impfstoffhersteller Biontech hat bekannt gegeben, dass sein Corona-Vakzin schon in ein paar Wochen für Kinder ab 12 Jahren zugelassen werden könnte. Ab Herbst dann sogar für noch Jüngere. Sind das für Sie als Kinderarzt gute Nachrichten?

Michael Kabesch: Ohja, sehr gute sogar. Endlich mal ein Hoffnungsschimmer, dass die Kinder nicht die allerletzten sein werden, an die gedacht wird.

SPIEGEL: Also sollten alle Kinder sofort geimpft werden, sobald der Impfstoff für sie zugelassen ist – noch vor den Erwachsenen?

Kabesch: Ich finde, Kinder sollten zeitnah geimpft werden. Wer zuerst dran kommt, darüber sollten wir jetzt gar nicht so sehr diskutieren. Diese Verteilungskämpfe aktuell sind eine Folge des Impfstoffmangels. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen wir außerdem mindestens die älteren Kinder impfen, sonst klappt das nicht. Sie sind es außerdem, die sehr aktiv sind und viele soziale Kontakte haben, nicht zuletzt in der Schule.

Michael Kabesch ist Chefarzt und Klinikleiter an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Regensburg. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderpneumologe und Allergologe. Seit März leitet er die »Wicovir«-Studie, die mit gepoolten Gurgel-PCR-Tests eine Öffnungsperspektive für Schulen durch frühzeitige Erkennung von Infektionen bieten soll.

SPIEGEL: Kann man da nicht sagen: Gerade müssen sich eben alle ein wenig einschränken?

Kabesch: Es geht so nicht weiter, dass die Pandemie auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Die Schulen werden immer wieder geschlossen, die Kinder müssen sich den Lernstoff zu Hause erarbeiten, haben wenige bis gar keine sozialen Kontakte – dabei ist das für die Entwicklung von Kindern so wichtig. Das führt so weit, dass mittlerweile ganz viele niedergelassene Kinderärzte melden, dass es massive Anzeichen für Depressionen oder sogar Suizidgedanken unter den Kindern gibt, die wir so noch nie gesehen haben. Es sind keine theoretischen Überlegungen mehr, dass die Pandemie dramatische Auswirkungen auf die Kinder haben könnte. Wir sind bereits mittendrin.

SPIEGEL: Sie wollen den Präsenzunterricht mit einer Teststrategie ermöglichen, die das Motto trägt »Homegurgeln statt Homeschooling«. Wie kann das Gurgeln die Schulen sicher machen?

Kabesch: Ich bin der Meinung, dass uns Tests und Impfungen aus der Pandemie herausführen werden: Diejenigen, die noch nicht geimpft sind, müssen regelmäßig und sinnvoll durchgetestet werden. Das trifft unter anderem auf Kinder und Jugendliche zu, für die ja bislang noch keine Impfung zugelassen ist. Damit sie trotzdem in den Unterricht gehen können, muss man an Schulen so testen, dass Infektionen möglichst frühzeitig erkannt und Ansteckungen verhindert werden. Das geht am besten mit PCR-Tests, denn Antigentests erkennen Infektionen erst relativ spät. Und genau das ist ja gefährlich: Viele Infektionen finden in einem Stadium statt, in dem man noch keine Symptome hat und nicht weiß, dass man infiziert ist, aber schon ansteckend ist.

SPIEGEL: PCR-Tests können Infektionen schon vor Symptombeginn sehr zuverlässig entdecken.

Kabesch: Genau. Schüler, die in die Schule gehen, haben meist keine Symptome, sonst würden sie ja zu Hause bleiben. Also braucht man eine sehr empfindliche Methode, um mögliche Infektionen trotzdem zu entdecken. Beim Gurgeln kommt hinzu, dass es für Kinder viel angenehmer ist als der Rachenabstrich – niemand würde sich gerne zwei- oder dreimal die Woche ein Stäbchen in den Rachen stecken lassen. Beim Gurgeln machen sie bereitwillig mit, vielen macht es sogar Spaß.


SPIEGEL: Das RKI warnt auf seiner Website vor Verdünnungseffekten bei Gurgeltests. Ist diese Probengewinnung überhaupt zuverlässig?

Kabesch: Wir erproben die Gurgeltests bereits seit einem Jahr und können auf Basis unserer Daten mittlerweile sagen, dass sie gut funktionieren. Wir führen die Gurgeltests an Schulen zusätzlich zu den in Bayern verpflichtenden Antigentests durch. Dabei haben wir festgestellt, dass wir oft Ergebnisse schon finden, wenn der Antigentest noch negativ ist. Das zeigt, dass das Gurgeln eigentlich deutlich besser und empfindlicher ist als die Schnelltests.

SPIEGEL: Aber auch aufwendiger: Im Gegensatz zu Antigentests müssen PCR-Tests im Labor ausgewertet werden. Dauert das nicht viel zu lange?

Kabesch: Dadurch, dass wir die Tests einer Klasse poolen, geht das noch am selben Tag: Die Kinder reichen morgens ihre Gurgelproben ein, alle werden zusammen in einen gemeinsamen Klassen-Behälter gesteckt und ins Labor geschickt. Wenn dieser sogenannte Pool positiv ist, müssen alle Kinder der Klasse noch eine zweite Probe einreichen, die dann einzeln getestet wird.


SPIEGEL: Moment, die Kinder machen also die Probenentnahme selbstständig zu Hause?

Kabesch: Ja. Die Herausforderung bei den Gurgeltests an Schulen ist, dass sie sicher sein müssen. Denn beim Gurgeln entstehen Aerosole, was ja gefährlich sein könnte, wenn alle im Klassenraum gurgeln würden. Zudem dauert es fast eine Unterrichtsstunde, bis die ganze Klasse durchgetestet ist. Die wenige Zeit, die unsere Kinder gerade in der Schule verbringen, sollten sie nicht mit Tests beschäftigt sein. Daher ist es logistisch viel besser, wenn die Schülerinnen und Schüler zu Hause gurgeln und die Probe dann mit in die Schule bringen. Außerdem funktioniert jeder Test am besten, wenn man auch Material gewinnt, wo Virus nachweisbar ist. Das Gurgeln vor dem Zähneputzen oder dem Frühstück macht also mehr Sinn als danach.

SPIEGEL: Die Kinder stehen also morgen auf, gehen ins Bad…

Kabesch: … und da steht dann das Gurgelröhrchen schon bereit. Sie füllen es mit Leitungswasser, gurgeln und spucken die Flüssigkeit wieder ins Röhrchen. Das nehmen sie dann mit in die Schule und dann kommt es in den gemeinsamen Behälter, der dann ins Labor geht.

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SPIEGEL: Kann man da nicht mogeln und einfach nur Leitungswasser abgeben?

Kabesch: Natürlich kann man da mogeln, so wie bei allen Testverfahren. Einzelne Kinder werden das sicherlich auch machen. Das fällt aber spätestens dann auf, wenn sie andere anstecken und deren Proben dann positiv sind. Die Klassen werden regelmäßig getestet, im Wechselunterricht entweder zwei oder dreimal die Woche. Es liegen also maximal vier Tage zwischen zwei Testungen, sobald einer aus der Klasse infiziert ist, bemerkt man das also in einem sehr frühen Stadium der Infektion – oft sogar schon, bevor sie überhaupt ansteckend sind.

SPIEGEL: Wie oft ist denn so ein Pool positiv?

Kabesch: Wir beobachten, dass etwa einer von 100 Pools positiv ist. Das ist nicht so viel, trotz hoher Inzidenzen. Ich erkläre mir das so, dass die Kinder sich ja meistens in den Familien anstecken. Wenn also Mama oder Papa positiv sind, dann werden die Kinder ja nicht in die Schule geschickt, sondern kommen in Quarantäne. Bei einer von etwa 100 Klassen-Testungen war dann vermutlich mal eine unbekannte Infektion dabei. Und die konnte dann gefunden werden.

SPIEGEL: Sie sagen, die PCR-Pooltestung ist vor allem für Gruppen geeignet, die sich regelmäßig in der gleichen Konstellation zusammenfinden. Wäre das auch auf Firmen übertragbar, wo ja hauptsächlich Schnelltests zum Einsatz kommen?

Kabesch: Ja, natürlich. Unser WICOVIR Zentrum in Erlangen arbeitet auch mit der Industrie- und Handelskammer in Erlangen zusammen, die hat genau das gleiche Verfahren in Betrieben getestet, ebenfalls mit großem Erfolg. Natürlich ändern die Tests nichts daran, ob sich jemand ansteckt. Aber man erkennt die Infektion dann so früh, dass man alle drumherum schützen und die Infektionsketten unterbrechen kann. Es gibt eigentlich für jeden Test einen idealen Einsatzbereich. Gruppen zu testen ist mit der PCR-Methode einfacher, günstiger und sinnvoller, denn man kann poolen, hat einen regelmäßigen Überblick und weiß frühzeitig über Neuinfektionen Bescheid. Antigentests liefern dafür sehr schnell ein Ergebnis und sind in Logistik und Organisation leichter durchzuführen.






SPIEGEL: Wir leben bereits seit einem Jahr in einer Pandemie, warum gibt es immer noch kein einheitliches und funktionierendes Testverfahren für alle Schulen und Betriebe?

Kabesch: Das frage ich mich auch. In Österreich ist man da schon viel weiter. Dort gibt es bereits ein großes Gurgelzentrum und ein noch viel größeres geht jetzt im Mai in Betrieb, da wird es zum Start eine Kapazität von rund 300.000 Tests pro Tag geben. Ende Mai soll die Kapazität dann auf rund eine Million Tests ansteigen. Wir müssen es endlich schaffen, vor die Welle zu kommen und nicht immer hinterher zu hinken: Also nicht immer erst zu reagieren, wenn es einen Anlass gibt.

SPIEGEL: Sie meinen, wie die Bundes-Notbremse jetzt, die erst beschlossen wurde, als die Fallzahlen so hoch waren wie nie?

Kabesch: Ja, genau. Die Fallzahlen werden auf diese Weise nicht sinken, sie werden vielleicht nur langsamer ansteigen. Das Virus verbreitet sich inzwischen in der jüngeren Bevölkerung, die noch nicht geimpft ist. Aber auch bei Jüngeren ist mit einer Corona-Infektion nicht zu spaßen. Nicht zuletzt werden wir nicht zu einer Normalität zurückkehren, solange die Inzidenzen so hoch sind. Ich befürchte, dass viele Kinder in diesem Schuljahr keine Schule mehr von innen sehen werden.

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